Auswertung Workshop Kooperation Islamwissenschaft Freiburg – SISD, März 2016

Dieser Workshop, der zum ersten Mal in Rahmen der Kooperation stattfand, sollte den Auftakt zu ähnlichen Veranstaltungen der Zusammenarbeit der o.a. Kooperation bilden.

Die Kolleginnen und die Kollegen von dem Orientalischen Seminar Freiburg präsentierten vielseitige Themen in wiederum unterschiedlichen Perspektiven. Prof. Epkenhans sprach über Migration in Zentralasien, in deren religiöse Dimension er eine moderne Entwicklung erkannte und die er durch die Entstehung einer lockeren Normativität in einem durch den Sufismus geprägten Milieu beschrieb, in dem heute Fatawa eine zunehmende Rolle spielen, aber lokal angebunden bleiben. Frau Dr.  Bartholomä hielt einen Vortrag zur damaligen türkischen Sprachpolitik im Rahmen von Atatürks Reformen, Frau Prof. Pink erörterte religionsgeschichtliche Bezüge des Tafsir, machte seine Kontextbezogenheit deutlich, insbesondere die von Mohammed Abduh. Herr Noel Rivera beeindruckte mit seiner jetzigen Forschung zur Sprachtheorie Ibn Ginnis und Frau Leila Armanious stellte ihre noch am Anfang stehende ethnographische Forschung zu inoffiziellen Ehen vor.
Die ägyptische Seite referierte überwiegend im Bereich Koranwissenschaft, Tafsir.  Dr. Haggag konzentrierte sich auf die moderne Reformorientierung Mohammed Abduhs im traditionellen Zusammenhang von Vernunft und  Überlieferung. Mit dem Beitrag  Rekonstruktive Koranhermeneutik versuchte Dr. Paulus eine neue sozialhistorisch-kritische Perspektive auf koranische Lebenswelten aufzuzeigen, der der heutigen Überbetonung des Rituellen und der Vernachlässigung der ethischen Inhalte des Koran entgegenwirken – und sich so in die Reformorientierung einordnen lassen könnte. Entsprechendes war dem Vortrag von Dr. Tariq Alkott zu entnehmen, seiner Darstellung der Kritik an der überkommenden mechanischen Einordung  mekkanischer und medinensischer Verse, die Hadithe zur direkten Beurteilung auch in absurden Fällen verwendete. Dr. Abdelrahem sprach über das Prinzip der gleichen Bürgerschaft im ägyptischen Diskurs, angesichts der Geschichte der koptischen Minderheit in der  Dhimma – Struktur, die der Gemeinschaft u.a. einen relativen autonomen Status garantierte, indes mit dem modernen Gleichheitsprinzip der Muwatana in Konflikt gerät.
Die Projektpräsentationen der Magistranden Muhammed Ragab zum Verhältnis von Sprache und Religion bei der Muʿtazila und Mohammed Shehata zur einem ethischen Aspekt bezogen sich ebenso auf Koranwissenschaft, die von Mohammed Al-Awady zum interkonfessionellen Gespräch Sunna-Shia. Auch diese Beiträge zeigten wie die der anderen ägyptischen Kollegen einen Bezug zur Reformorientierung theologischer Reflexion, gepaart mit dem Bemühen um wissenschaftliche Sachlichkeit zur Reduktion bzw. zur Vermeidung von Normativität.

Dr. Haggag hatte zu Beginn des Workshops deutlich gemacht, dass die wissenschaftliche Arbeit der SISD sich nicht als l’art pour l’art begreife, da die instabile Situation der hiesigen Gesellschaft mit ihren vielen Problemen ein Engagement erfordere. Wir sind gespannt auf die Erwartungen der deutschen Kolleginnen und Kollegen auf dem nächsten Treffen, das unter dem vereinbarten Titel „Lesarten der Tradition“ im kommenden Oktober in Freiburg stattfinden soll und hoffen auf fruchtbare gegenseitige Irritationen bzgl. der jeweiligen Wissenschaftsverständnisse und thematischen Zugänge.